Gemüse aus der Wüste

Jedes Jahr sucht sich der Kirchengemeinderat ein Projekt heraus, das er durch Opfereinnahmen besonders unterstützen möchte. Für das Jahr 2018 hat sich der Kirchengemeinderat dafür entschieden, die Aktion “Gemüse aus der Wüste für Flüchtlinge in Nordafrika” zu unterstützen.

 

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Erdnüsse im MARCOL-Lehrgarten im Flüchtlingslager Mberra (Mauretanien). Dank des Programms ernten malische Flüchtlinge mehr Gemüse und der Preis auf dem Markt ist gesunken. Foto: LWB/C. Kästner
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Im Alter von 42 Jahren hat Ali agd Forach gelernt, wie man in der Wüste Landwirtschaft betreiben kann.

Forach ist unter den 52.000 Flüchtlingen, die vor dem Konflikt in seinem Heimatland Mali ins benachbarte Mauretanien geflohen sind. Seit 2012 lebt er im Flüchtlingslager Mberra, das 50 Kilometer von der Grenze zu Mali entfernt auf mauretanischem Staatsgebiet liegt, mitten in der an die Sahara angrenzenden Sahelzone.

„Als ich hier ankam, gab es nichts“, erinnert sich Forach. „Von hier bis zum Horizont sah man nichts als Hügel aus Sand.“ Heute aber baut er Erdnüsse und Wassermelonen an. Forach gehört zu den 5.000 Menschen, denen der Lutherische Weltbund (LWB) neue, für die Bewirtschaftung von Land hier im Sahel geeignete Gartenbau- und Bewässerungsmethoden vermittelt hat.

Die Wüste fruchtbar machen

„Es war nicht leicht, die Leute zu überzeugen, dass sie hier Gemüse anbauen können“, erinnert sich LWB-Projektkoordinator Papa Diallo. Tagsüber steigen die Temperaturen bis auf 50 Grad Celsius. Heisse Winde, häufige Sandstürme und plötzliche schwere Regenfälle können die Arbeit vieler Monate in Minuten zunichtemachen.

Der Lehrplan des MARCOL-Projekts umfasst Themen wie das Anlegen von Anzuchtbeeten und das Ziehen von Setzlingen, organische Düngung, Pflege der Pflanzungen und Techniken wie die Tröpfchenbewässerung, die die knappen Wasservorkommen im Sahel bestmöglich nutzt. „Es ist eine grosse Herausforderung, die Wüste fruchtbar zu machen“, betont Diallo.

Die 5.000 Teilnehmenden an dem Projekt kommen aus dem Flüchtlingslager und der ansässigen Bevölkerung. 4.134 von ihnen sind Frauen, was die traditionelle Arbeitsteilung und die Zusammensetzung der Lagerbevölkerung widerspiegelt. 200 Personen wurden ausgewählt für einen Intensivkurs. Sie sollen die dabei erworbenen Gartenbau-Kenntnisse jeweils an eine Gruppe von 25 Personen weitergeben.

Wo vorher Sand war, findet man im Lager und den Dörfern in seiner Umgebung inzwischen insgesamt 31 Hektar Gartenland. „Wir haben jetzt mehr Gemüse und weil mehr Leute Gemüse verkaufen, sind auch die Preise auf dem Markt gesunken“, erzählt Tassayate ub Med. Die Situation ihrer Familie hat sich erheblich verbessert. „Vorher hat uns jede Mahlzeit etwa 3 USD gekostet, jetzt ist es nur noch ein Dollar.“

„Der Umfang unserer ersten Ernte hat mich erstaunt“, ergänzt ihre Nachbarin Taya ub Mazou. „Mich hat es mit Stolz erfüllt, als ich zum ersten Mal anderen etwas von den Früchten meines Gartens abgeben konnte. Wir können sogar die Pflanzenreste verwenden, um damit unsere Ziegen zu füttern. Von jeder Ernte haben wir also einen doppelten Nutzen.“

Das Leben ist anders

In Mberra ist das Leben der Flüchtlinge ganz anders als zuvor. Lange Wege zu den Feldern, die in der Hitze bestellt werden müssen, und das Tragen schwerer Wasserbehälter sind eine Last für die Frauen. Daheim in Mali lebten viele als NomadInnen von der Viehhaltung. Manche brachten ihre Rinder und Ziegen mit, als sie fliehen mussten. Aber in Mberra gibt es kaum genug Wasser und Weideflächen für das Vieh der einheimischen Bevölkerung. In der Nachbarstadt Bassikounou zeigen die verwesenden Kuhkadaver in der Nähe einer Wasserstelle, die Häufigkeit von Erkrankungen der Atemwege und die Mangelernährung deutlich auf, welche Probleme das Umfeld birgt, in dem Flüchtlinge und Einheimische zusammenleben müssen.

Der LWB ermutigt die NomadInnen, sich auf Ackerbau umzustellen. „Weil es an Wasser und Gras fehlt, geben die Tiere weniger Milch“, erläutert Diallo. „Das Gemüse ergänzt und steigert den Nährstoffgehalt der traditionellen Ernährung der Flüchtlinge.“

Zudem hat das neue Wissen über den Gartenbau die Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung gemildert. Aber viele Flüchtlinge zögern immer noch, Milch und Fleisch, ihre traditionellen Lebensmittel, einzutauschen gegen Wassermelonen, Erdnüsse und Auberginen. Manche verkaufen ihre Gemüseernte und setzen den Erlös in Fleisch um.

Vom Fluss kamen die Angriffe

Auch diejenigen, die schon immer Ackerbau betrieben haben, wie Forach, brauchen Zeit, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. „Ich habe am Mali-Fluss gelebt“, erzählt er. „Meine Felder waren direkt am Flussufer. Ich habe Reis angebaut, das Wasser kam aus einem gebohrten Brunnen mit Motorpumpe. Ich hatte zwei grosse Felder und einen Garten. Wasser hat mir nie gefehlt.“

Aber als die Kämpfe in Mali ausbrachen, wurde seine Existenzgrundlage zur Todesfalle: „Die Milizen kamen oft mit dem Boot und griffen die Dörfer vom Fluss aus an. Es war nicht mehr sicher dort. Ich musste meinen Garten und meine Tiere zurücklassen und bin als Flüchtling hierhergekommen. Es ist mir sehr schwer gefallen, zu gehen“, erinnert er sich traurig. „Jetzt ist niemand mehr dort, der sich kümmern könnte, wahrscheinlich ist inzwischen alles kaputt.“

Trotzdem hofft Forach, irgendwann zurückkehren zu können. „Ich habe Pläne, mein Leben in Mali wiederaufzubauen“, bekräftigt er. „Ich werde das, was ich hier gelernt habe, mitnehmen und, wenn möglich, anderen weitergeben. Ich bin ein Bauer. Ich will nichts anderes machen.“