Kirche unter der Lupe – Interwiews

KIRCHE UNTER DER LUPE

Willkommen auf dieser besonderen Seite.

Hier berichten wir von und mit Menschen aus unserer Kirchengemeinde. Die unterschiedlichen Geschichten sind wirklich lesenswert. Wir wünschen viel Spaß dabei.

Bislang haben wir ein Interview mit Roswitha Eberspächer über die Schöpfung, die Geschichte des Altenkreises, ein Interview mit den Naberner Organisten, ein Interview mit Claudia Nothelfer über "die Kiste" und einen Bericht über einen Besuch bei der Strickgruppe.

 

Roswitha Eberspächer

 

 

 

 

 

 

 

Interview mit Roswitha Eberspächer, die die Bilder im Saal des Gemeindehauses zum Thema Schöpfung gemalt hat:

 

 

  • Roswitha, wie bist du dazu gekommen, die Schöpfungsgeschichte für das Gemeindehaus zu malen?

Also, da war der Weltgebetstag 2018 aus Surinam, bei dem es um die Schöpfungsgeschichte, die Bewahrung der Schöpfung und den Dank an Gott für die Schöpfung ging. Dazu wollte das Vorbereitungsteam für jeden einzelnen Tag ein Bild oder Anschauungsobjekt. Ursel Ziegler ist daraufhin zu mir gekommen und fragte, ob ich da nicht was hätte?

Erst dachte ich: also für anderthalb Stunden Gottesdienst so eine Wahnsinnsarbeit, das wollte ich eigentlich nicht. Aber dann – ich werde ja blind – dachte ich, das ist die Chance, mich nochmal so richtig mit der Schöpfung abzugeben, mich dran zu freuen und sozusagen meinen Dank auszudrücken für diese vielen Jahre, in denen ich die Schöpfung bewundern konnte.

Ich habe mir 14 Tage Bedenkzeit auserbeten, weil mir klar war, wenn man mind. sieben Bilder macht, für jeden Schöpfungstag eins, dann gibt das eine Serie. Da muss alles auch formal zusammenpassen und man hat ja auch einen künstlerischen Anspruch.

 

„Ich probiere es!“

Also musste ich mir überlegen, was male ich illustrativ, z.B. die Tiere oder den Menschen oder den Regenbogen, und was male ich symbolartig, z.B. wie Gott ausruht. Wie bekomme ich das auf ein Bild? Das waren sehr intensive 14 Tage.

Bis ich dann zur Ursel sagte: „Ich probier´s“.

Dann hab ich natürlich die Schöpfungsgeschichte genau durchgelesen. Als nächstes versuchte ich, für jeden Tag eine Farbe festzulegen. Und wie ich die Farben auf die Schöpfungstage verteilt habe, hab ich gesehen, da wird von alleine ein Regenbogen draus.

Am 2. Schöpfungstag heißt es, Gott baut eine Feste und trennt damit das Wasser über der Feste von der unter der Feste.   Diese Feste (es heißt ja nicht das Feste, sondern die Feste) wird in anderen Übersetzungen als Gewölbe oder Bogen bezeichnet, die das Wasser unter der Feste von der über der Feste trennt. Und da dachte ich, der Regenbogen könnte ein Bild für das Gewölbe sein.

Dazu fiel mir auch das ptolemäisches Weltbild ein, das die Menschen im Mittelalter hatten, also diese Käseglocke. Da geht es um dieses Gewölbe: außen ist dieses Chaos oder das Nichts und das ist dieses Wasser außerhalb dieses Bogens.

So war ich dann bei den Regenbogenfarben, - die aber jetzt verkehrt herum sind. Lila steht am Anfang und am Ende.

Der 2. Tag mit dem Wasser, das war klar, das wird blau.

Der 3. Tag, an dem das Grünzeug geschaffen wird, wird grün.

Der 4. Tag mit Sonne, Mond wird gelb. Bei diesen vier Bildern lagen die Farben schon fest. Und da dachte ich, so mach ich weiter:

Fische und Vögel werden orange, das war etwas erzwungen, aber geht dann auch.

Und die Tiere und den Menschen male ich in rot, das fand ich schlüssig.

Und am Schluss kommt wieder lila, weil das ja vorne und hinten ist, das Alpha und das Omega. Violett gilt als die spirituellste Farbe.

 

Der Regenbogen als zentrales Element

Der Regenbogen fängt ja eigentlich mit violett und rot an, wenn man von links außen anfängt. Aber der zweite Bogen, der drüber erscheint, ist umgekehrt in den Farben. So hab ich den Text noch einmal richtig durchgelesen und da heißt es bevor die Schöpfung anfing: „Gott schuf Himmel und Erde und der Geist Gottes schwebte über den Wassern“. Ja, was ist das jetzt für ein Wasser, da ist doch noch gar nichts geschaffen? Es ist also schon da, bevor die Schöpfung geschah!

Und da kam mir, dass Wasser eigentlich überall in der Schöpfung mit drin ist, das Wasser des Lebens. Wasser ist was ganz prinzipiell Wichtiges. Vielleicht ist es wie im Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort….“ Vielleicht ist das Wasser wie das Wort Christus?

Dann ist da der Geist Gottes, der über den Wassern schwebt. Und diese drei sind das Ganze mit Gott zusammen. Da war ja alles noch eine Einheit, so stelle ich mir das vor. Aber was sind diese Wasser? Man kann natürlich so ganz spirituelle Dinge nicht malen. Ich habe mir also vorgestellt, ich male einen Widerschein wie wir es hier auf Erden so erleben und habe die Schrift auf das Blau gemalt, das dadurch richtig schimmert.

1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

  1. Mose 1,2

 

1. Tag:

3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.

4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis

5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

  1. Mose 1,3-5

 

Am ersten Tag trennt Gott das Helle vom Dunkeln. Da nahm ich erst schwarz und weiß. Das passte natürlich überhaupt nicht in die Reihe. Also dachte ich, ich muss ja nicht darstellen, wann was getrennt ist, sondern ich kann das ja im Augenblick, wo sich´s anfängt zu trennen, malen.

Und da ist mir klar geworden, gleich mit jedem Anfang, mit jedem Schöpfungsakt, entsteht die Dualität. Die Dualität vom Schöpfer und Geschaffenen. Das Helle und das Dunkle. Und das, worunter wir hier auf der Erde – ich jedenfalls- so zu leiden haben, dieses Gute und Böse, Schöne und Hässliche, diese Dualität.

 

2. Tag

6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern.

7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.

8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.

  1. Mose 1,6-8

 

Dann kommt der zweite Tag, wo eben diese Feste entsteht und die zweierlei Wasser. Aber was ist das für ein Wasser über einer Feste? Das wird nie wieder erwähnt. Ist es das Chaos? Oder das Nichts? Die Möglichkeit, aus der sich alles andere entwickelt? Genau da entsteht der Raum.

Also erst die Dualität, dann der Raum. Dieses Zweierlei. Diese Trennung.

 

3. Tag:

9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem Ort, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so.

10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.

11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist auf der Erde. Und es geschah so.

12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.

13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

  1. Mose 1,9-13

 

Und am dritten Tag trennt er ja das untere Wasser, das Meer von der Erde und begrünt die Erde gleich mit Früchten, Samen und Blumen und alles was da wächst. Und da sieht man schon, dass es keine naturwissenschaftliche Lehre ist, denn ohne Sonne und Mond kann nichts wachsen. Es ist also überhaupt nicht naturwissenschaftlich gedacht.

 

4. Tag:

14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht. Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre

15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so.

16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.

17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde

18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war.

19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.

  1. Mose 1,14-19

 

Am vierten Tag entstehen Sonne, Mond und Sterne, es entsteht also die Zeit. Da entstehen die Wochen und Tage, da entsteht diese Rhythmik.

 

5. Tag:

20 Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels.

21 Und Gott schuf große Seeungeheuer und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.

22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.

23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.

  1. Mose 1,20-23

 

Dann hab ich das Orange genommen für Vögel und Fische am fünften Tag. Diese ungeheure Vielfalt, wie das alles so durcheinander wuselt, das hab ich in Orange gemalt. Und das Blau für den Hintergrund, für das Wasser und den Himmel. Eigentlich ist immer irgendwo blau mit drin.

 

6. Tag:

24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.

25 Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.

26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.

30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so.

31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

  1. Mose 1,24-31

 

Dann kommt der sechste Tag, an dem er die Tiere erschafft und auch den Menschen. Es ergab sich, dass da nun rot sein muss. Und ich dachte, jetzt entsteht alles, was mit Gefühl zu tun hat. Also rot steht ja eigentlich für den Mars, für den Gott des Krieges. Rot steht auch für Wärme, Liebe, Leidenschaft, also für heftige Gefühle, aber ohne zu werten.

Ich staunte, wie diese Grundprinzipien, jedenfalls für mich, so heraus traten.

 

7. Tag:

1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.

2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.

3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.

4 Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.

  1. Mose 2,1-4

 

Und dann das Schwierigste: Am siebten Tage ruht Gott. Ja, wie malt mal das? Eine Freundin sagte zu mir: „dann mal doch ein Bänkle“. Das ist eigentlich nett, aber dann doch zu harmlos. Und dann hab ich dieses ganz alte Symbol gemalt, das Auge Gottes, der Kreis im Dreieck, die Dreieinigkeit, das Eine, das Runde, das Geschlossene, das Symbol bei dem alles noch zusammen ist.

In meiner Vorstellung zieht sich genau da Gott wieder aus seiner Schöpfung zurück. Aber er betrachtet sie, er beobachtet sie – ich hoffe mit gütigem Blick. Er entlässt sie in Freiheit und Entwicklung.

Das ist so in etwa die Entstehungsgeschichte dieser Bilder.

 

Hier sieht man die ganze Bilderreihe, wie sie am Weltgebetstag gezeigt wurde.

 

  • Wie ging es dann weiter mit dieser Bildergeschichte?

Nach dem Weltgebetstag wurden die Bilder im Gemeindehaussaal aufgehängt. Und irgendwann kam Pfr. Bosler auf mich zu, ich solle die Bilder doch im Gottesdienst vorstellen. Erst wollte ich nicht, sagte nur „vielleicht“, „wenn er mal über die Schöpfung predigt“. Aber dann haben mich verschiedene Leute gefragt, weil sie komischerweise gar nicht begriffen haben, dass das Bilder von der Schöpfung sind. Sie fragten: „Was sollen denn die Bilder da?“ „Was bedeuten die?“

Und da dachte ich, dann muss man so eine Vorstellung doch machen.

Das sagte ich dann zu Pfr. Bosler und so hat er hauruck diese Bildervorstellung anberaumt. Im Gottesdienst hat Frau Junker mit ihrem schönen Hochdeutsch die Schöpfungsgeschichte gelesen abwechselnd zu meinen Erläuterungen. So hatte ich immer noch einen Moment Zeit, mich auf das nächste Bild zu konzentrieren. Das war, glaube ich, ganz gut.

 

„Was steht denn da geschrieben?“

  • In den ersten beiden Bildern sind auch Buchstaben zu erkennen. Ist das ein Text, der dort steht?

Die Flächen sind ja alle rhythmisiert, bewegt. Man kann ja nicht einfach was anstreichen. Und da hab ich Texte genommen. Das mache ich eigentlich sehr viel, einfach um den Untergrund so bewegt und lebendig wie möglich zu gestalten. Aber ich will nicht unbedingt, dass man diese Texte liest. Ich webe also passende Gedichte in meine Bilder hinein oder hier im 1. Bild z.B. habe ich „Spirit“ und „Ruach“ hinein gemalt, der Geist, der als Geheimnis da ist. Aber das muss man nicht unbedingt lesen.

Im zweiten Bild, habe ich, glaube ich, nur „hell“ und „dunkel“ und „schwarz“ und „weiß“ oder so  was hinein geschrieben.

Und beim letzten Bild, wo Gott ruht, schwingt sozusagen eine Art Landschaft im Hintergrund.

 

  • Du sagtest vorhin „blau ist in allen Bildern mit drin“?

Ja. Blau als das Wasser. In den ersten vier Bildern in denen alles beginnt und die Gestirne entstehen, ist der Hintergrund lila-blau. Alles Leben braucht Wasser, das geht gar nicht anders. Das fand ich sehr eindeutig.

Ich hab mich nie zuvor derart mit der Schöpfungsgeschichte abgegeben, aber dann kam mir allerhand, als ich so intensiv damit lebte.

Im katholischen Abendmahl und auch bei den Anthroposophen, hab ich gelernt, dass der Abendmahlswein immer mit Wasser verdünnt wird. Die Leute behaupten, das sei aus Sparsamkeit. Das stimmt nicht. Nichts passierte im Mittelalter ohne Symbolik. Im Mittelalter stand der Wein, also der Alkohol, für den Spirit, für den Geist, und das Wasser für Christus, und das Brot für Gottvater. Und so ist auch da überall Wasser mit drin.

Ich finde es toll, was man alles entdeckt, allein wenn man sich mit diesen Farben auseinandersetzt.

 

Unterschiedliche Weltbilder

  • Du hast am Anfang schon erwähnt, dass du den Regenbogen absichtlich mit in die Schöpfungsgeschichte eingearbeitet hast, obwohl der Regenbogen in der Bibel erst viel später auftaucht. Kannst du nochmal erläutern, warum du diesen Bogen in die Schöpfungsgeschichte eingebaut hast?

Dieses Gewölbe wollte ich darstellen. Aber was ist das Gewölbe? Es gibt ein Buch mit mittelalterlichen Malereien, da haben sie das Gewölbe als eine Art gotischen Bogen oder als eine Halle gemalt. Oder denke mal an dieses ptolemäische Weltbild, wo die platte Erde dargestellt wird und da drüber die Käseglocke gestülpt ist.

Und dann fragte ich Pfarrer Dehli, was es mit den zweierlei Wassern und dem Regenbogen auf sich hat. Er meinte, dass sich bei der Sintflut die Schleusen des Himmels öffneten und dass dies das Wasser über dem Bogen sei in diesem alten Weltbild. Und das stünde für das Böse, das ausgeschlossen ist durch die Feste, die die Menschheit schützt.

Aber für mich ist es eher wie das moderne Weltbild, in dem ja hinter unseren ganzen Sternen Welten kreisen und noch was ist und noch was ist. Und irgendwo soll ja dann noch Leere sein, so nennen sie es. Aber das würde ich nicht werten, ob das das Böse ist. Ich denke, da sind wir nicht mehr so dabei.

Ich malte einfach diesen Bogen oder das Gewölbe, weil sich die Farben so ergaben und weil mir die Zuwendung zur Schöpfung, die der Regenbogen ja ausdrückt, so gefällt.

 

  • Du erwähntest vorher auch die Bibelstelle: „der Geist Gottes schwebte über den Wassern…“, als das Wasser noch gar nicht geschaffen war. Kannst du dazu noch etwas sagen?

Was für ein Wasser war es denn? Da könnte ich mir das Wasser im Abendmahlswein, dieses Bild für Lebenswasser für Christus, auch vorstellen - wenn man sich überhaupt etwas vorstellen will und es nicht nur als schönes Bild stehen lässt. Aber ich musste oder wollte es ja darstellen und da muss man das schon konkreter bekommen.

 

Eine Welt voller Kontraste und Widersprüchen

  • Ist Schöpfung etwas, das irgendwann auch abgeschlossen ist oder ist da immer etwas im Werden, im Wandel und im Entstehen? Wie siehst du das?

Also in der Schöpfungsgeschichte – und ich habe mich weitgehend an die biblische Geschichte gehalten, ruht Gott irgendwann. Da scheint es, als ob er sich nach dem 6. Tag aus seiner Schöpfung heraus zöge und sie uns überlässt.

Manchmal denke ich, er überlässt uns die Welt wirklich. Ja, das ist ja immer dieser Konflikt zwischen Liebe und Freiheit.

Die Frage ist, warum lässt er das zu? Aber wenn er sich in alles einmischen würde, dann hätten wir keine Freiheit.

Dorothee Sölle sagt so ungefähr, Gott will nicht mehr mitmischen auf Erden. Er hat sie uns überlassen. Und dann würde alles Schlimme und Gute durch den Menschen entstehen. Und sie sagt, Gott liebt den Menschen, er guckt zu und lässt ihm die Freiheit. Und wenn er angerufen wird, dann fließt hoffentlich schon was.

Wahrscheinlich darf man in religiösen Dingen sowieso nicht nur in „entweder“ „oder“ denken. Da passieren Sachen auch gleichzeitig.

Wir wollen das immer so klar mit dem Dualismus, wir wollen entweder Gut oder Böse. Wir wollen immer wissen, wie es ist. Vielleicht gibt es aber sowohl, als auch? Ich weiß es nicht.

 

  • Ich finde es großartig, dass du sagen kannst: ich weiß es nicht. Und du dieses große Geheimnis so stehen lassen kannst.

Es bleibt mir nichts anderes übrig (lacht).

 

  • Nun ja, man könnte auch sagen, das ist doch alles ein großer Mist.

Also, wenn ich intellektuell Gott denke, nur logisch, dann glaube ich auch an nichts. Weil eben nichts zusammengeht. Aber manchmal hat man ja so Momente, wenn man in der Natur z.B. eine wunderbare Blüte betrachtet. Warum diese Vielfalt? Warum diese Pracht? Es wäre doch auch einfach gegangen. Für drei Tage sind die Pfingstrosen eine Wucht! Ich arbeite das ganze Jahr darauf zu, dann blühen sie und dann regnet und weht es. Dann sind die Blüten nicht einmal eine Woche lang dran gewesen.

 

Totales Chaos oder Ordnung

  • Ich fand deine Überlegungen spannend, was du denn darstellen willst, wenn du an die Schöpfung denkst. Der Sommer sieht schließlich ganz anders aus als der Herbst und der Winter ganz anders als der Frühling. Aber wo ist der Anfang oder wie kann man diese Schöpfung greifen?

Also ich glaube, dass wir im Grunde, also wenn wir nicht religiös denken, das Gefühl haben, wir leben in einem totalen Chaos. Es passiert, was mag. Alles geht durcheinander und nichts ist klar.

Ich denke, ein Mensch kann aber nicht leben ohne Ordnung und ohne einen Sinn zu suchen. Und deswegen hat doch jede Religion ihre Schöpfungsgeschichte, weil jeder wissen will, wo er her kommt.Und sie baut sich aus ihrer Sehnsucht diese Bilder und Mythen, die zur jeweiligen Kultur passen.

Die Jahreszeiten gehören für mich zu diesem Zeit-Bild, zu dem mittleren Bild. Dort passieren die Tageszeiten, die Wochen- und Jahreszeiten. Der Stern- und Tierkreis entsteht.

Hier werden die Tierkreiszeichen, von denen vier davon zu den Evangelisten-Symbolen werden, schon festgelegt. Das ist uraltes Wissen und das sind Richtlinien, nach denen man sich auch beim Ernten und Säen richten wollte. Wann sät man, wann erntet man? Man versucht, eine Ordnung in das Chaos hinein zu bringen.

Ich glaube, wir können nicht anders leben.

 

  • Wie stellst du dir den Anfang der Zeit vor? Hast du eine Vorstellung wie im Jesaja-Text Text 65, 25, in dem es heißt: „Wolf und Schaf sollen beieinander weiden, der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen“? Oder wird in dem Text eine ganz andere Welt beschrieben?

Also zu meiner Arbeit an den Schöpfungsbildern waren diese Gedanken nicht dran. Da hab ich einfach versucht, mich an die Schöpfungsgeschichte zu halten, soweit das geht. Aber diese Gedanken gefallen mir schon.

Also, wenn wir schon keinen Dualismus haben, keine zwei Götter, und der Dualismus am ersten Tag aus Gott entsteht, wenn wir keinen Teufel haben, dann ist das Böse auch in Gott.

Hat das irgendeinen Sinn? Vielleicht wegen unserer Freiheit? Wir hätten ja keine Wahlmöglichkeit, wenn wir nicht auch das Böse wählen könnten. Schon beim Sündenfall ist das Böse ja da.

Ich will auch nicht, dass nachher alles so ein Einheitsbrei wird, so ein mittelprächtiger, sondern dass die Skala so bleibt und dass das eben ein Reichtum ist, nicht nur schlimm. Das Vielerlei ist eben auch Reichtum. Ein Paradies, in dem wir nur noch mit Palmen wedeln und Halleluja schreien, ist mir total langweilig, das ist tote Hose, das will ich nicht. Da bin ich nicht dran interessiert (lacht).

Ja, wir haben ein Harmoniebedürfnis, das habe ich natürlich auch. Wir leben ja vielschichtig. Das Harmoniebedürfnis hätte schon gern, dass den Kindern nichts passiert und dass die Schlange einbezogen ist und ihre Pflicht tut, es aber alles sinnvoll ist.

Also wenn ich religiös denke, dann wird es einen Sinn haben. Den kapiere ich halt nicht. Und wenn Gott das angeguckt hat, die Schlange und die Dunkelheit, die fürchterlichen Gewitter und die Sonnenbrände mit geschaffen hat und sagt, „es ist gut“, dann wird er doch wissen, was gut ist und was er damit meint. Hoffe ich.

 

Malen als Prozess

  • Wie ist das bei dir, wenn du malst? Du sagtest vorher, du malst ein Bild auch mehrmals. Verwirfst du ein Bild auch mal ganz oder veränderst du es so lange, bis es passt?

Also das ist ein bisschen Temperamentsache. Es gibt Leute, die malen wahnsinnig viel für den Papierkorb. Und dann gibt es welche, die konstruieren ewig am gleichen Ding herum. Ich bin eher so eine Mischung.

Ich male auch in Acryl und ich male transparent und da kann man nicht endlos dran rum machen. Das wird dann tot. Da wird das Bild dann braun und langweilig. Manchmal verliebt man sich in eine Ecke und meint, die anderen müssten auch so werden.

Also ich schmeiß schon immer einen Haufen weg.

Bei dieser Bilderserie, das hab ich noch nie so gemacht, da hab ich mindestens 14 Tage gar nicht gemalt, sondern vor allem nachts im Bett herum gewerkelt, was werden soll. Und ich hab viel auf alte Briefumschläge geschrieben, wie ich die Tage so verteilen will und wie ich es machen könnte, damit es eben ein Gesamtes wird. Aber so fest nach Plan male ich kaum.

Ich habe in der Regel schon eine Vorstellung, was ich machen will und wenn das nicht klappt, muss ich gucken, dass mir ein anderer Einfall kommt. Und dann probiere ich es ganz anders.

Seit ich nicht mehr so lange stehen kann - ich muss immer hinstehen beim Malen, damit ich den Überblick habe -, weil mir sonst schlicht und ergreifend der Rücken weh tut, muss ich gedanklich schon einiges durchprobiert haben.

 

  • Hast du diese Bilder auch stehend am Tisch gemalt? Oder auf der Staffelei?

Ich male nie auf der Staffelei. Da verläuft sonst alles, das kann ich nicht gebrauchen. Die Schöpfungsbilder hab ich auch auf dem Tisch gemalt, die sind ja aber auch relativ klein, weil sie insgesamt so eine lange Strecke ergaben. Die Bilder sollten ja auf einen Altar im Gemeindehaus, der ungefähr 2,40 m lang sein sollte. Gott sei Dank hatte ich da sehr edle Kartons, die ich schon seit 50 Jahren in einer Ecke aufbewahrt hatte. Und vor lauter „heilig“ hatte ich sie einfach nie benützt. Sie waren mir aber auch immer zu klein.

Unter den originalen Bildern ist ja immer ein Streifen, der nicht bemalt wurde, weil da dieses Bord hin musste, auf dem sie stehen. Und wir hatten ja auch Tücher und ich wollte nicht, dass die Tücher Teile der Bilder überdecken.

 

  • Du verwendest ausdrucksstarke Farben, so auch bei diesem Tierbild, bei dem du ganz grelle, leuchtende Farben, wie rot, orange und pink, verwendet hast. Wie findest du die richtigen Farben?

Alle Farben sind im Regenbogen enthalten, dieses Prisma, das das weiße Licht bricht zu den Regenbogenfarben. Ich nehm immer Schminkefarben, das sind die teuersten, die ich so kenne, und die sind sehr intensiv und lichtecht. Und hier ging es mir wirklich um diese Farben.

Ich male sonst gern so Ton in Ton, wie das erste Bild, aber bei den Tieren ging es mir wirklich um die Vielfalt. Wenn schon Schöpfung, dann ist das DAS Angebot von allem. Und möglichst auch ohne zu werten. Und wie das rot so wurde, dachte ich, das ist richtig so. Da wo der Mensch auftritt, kommt die Leidenschaft, die Gewalt, die Sehnsucht. Da wird es heftig.

Ich hätte natürlich bei dem gelben Bild mit Sonne, Mond und Sterne auch mehr rein hauen können, aber so male ich eigentlich öfters, dass es in sich tonig ist.

Und dann eben immer wieder die Frage, wie bringe ich die Bilder zusammen?

Also der Regenbogen fällt ein bisschen heraus. Den Regenbogen hab ich wahnsinnig oft gemalt. Ich fragte mich auch: wo sitzt der Regenbogen? Er muss an der richtigen Stelle sitzen. Und dann dachte ich, ich mach den Bogen viel breiter, richtig groß. Aber dann dachte ich, es geht ja eigentlich um dieses Wasser, das getrennt wird.

 

„Mein Dank oder Abschied“

  • Du erwähntest vorhin in einem Nebensatz, dass dein Augenlicht nachlässt.

Ja, ich habe Makuladegeneration, das bedeutet Ablagerungen hinter der Netzhaut. Auf dem rechten Auge sehe ich nur noch 10 – 20%, aber mit dem linken Auge kann ich noch bei hellem Licht lesen und sehe die Farben. Wie das weitergeht? Da darf ich gar nicht wirklich dran denken, da bekomme ich Panik. Ich kann auch nicht wissen, wie schnell ich meine Sehkraft verliere, vielleicht sehe ich ja in fünf Jahren immer noch halbwegs. Vielleicht sehe ich aber auch übermorgen kaum noch was, das kann man nicht wissen. Und das ist echt eine Zumutung. Gerade wenn man so ein Augenmensch ist.

Ja, deshalb hab ich mir selbst auch ein Buch gemacht, so ein großes, einfaches, fertiges Fotoalbum, außen mit Stoff eingebunden. Einige wenige Bilder habe ich direkt rein gemalt. Erst die Schöpfungsgeschichte und dann hab ich Gedichte hinein geschrieben (da gibt es ein wunderbares Gedicht von der Bachmann oder von Goethe, in denen es um das Sehen geht). Und zu diesen Gedichten male ich ein Bild. Aber das Buch ist noch nicht fertig.

Das ist mein Dank oder mein Abschied, genauso wie dieser Auftrag zu dieser Ausstellung.

 

Rückblick

  • Ich würde dich gerne zum Schluss noch fragen, wie du überhaupt zur Malerei gekommen bist?

Mein Vater war Bildhauer, er studierte in München und Berlin und hat auch meine Mutter in München kennen gelernt, sie war Keramikerin. Da ging es immer um Kunst. Und da war mir ganz klar, ich mach alles, bloß keine Kunst. So wurde ich Bibliothekarin und landete auf der Kunstakademie Stuttgart in der Bibliothek - dann eben doch.

Später in Kirchheim begegnete ich Hr. Reißing. Er war Kunsterzieher in Kirchheim und hat einem immer nur Mut gemacht. Da bin ich ein paar Mal hin. Das war mir dann aber irgendwann zu wenig.

Dann hab ich gehört, dass Prof. Klumbies, der in Karlsruhe Prof. war und in Reichenbach mal wohnte, was ausgeschrieben hatte. Das Image von Rüdesheim sollte aufpolliert werden und da wollte er so was wie ein Gegenprogramm haben. Dort haben dann richtig ausgebildete Künstler und auch Laien und ganze Anfänger und Leute wie unsereins mitgemacht. Ich war also an die 30 Jahre bei ihm. Jedes Jahr im Frühling und im Herbst für 10 Tage. Tollerweise hat das mein Mann auch geschluckt. Von diesen 10 Tagen lebte ich immer sehr lange.

Ich war im Haushalt nicht so sehr glücklich. Eigentlich bin ich praktisch veranlagt, aber ich hatte das Gefühl, man verblödet, wenn man sich bloß mit Kindern und Haushalt abgibt. Selbst wenn mit Einmachen und Nähen noch was anderes gefragt ist.

In der Familienbildungsstätte habe ich auch Aquarellkurse und Zeichenkurse gegeben. Aber beim Malen allein blieb es nicht. Ich habe auch Keramikkurse in meinem Keller gegeben.

Es fehlt mir die Begabung, die jeder Künstler haben muss, wenn er zu etwas kommen will, er muss auch merkantil begabt und selbstdarstellerisch sein und sagen: ich bin der Beste. Oder jemanden haben, der das für ihn macht. Durch die Kunst hatte ich jedenfalls ein sehr reiches Leben.

Auch gute Freundschaften sind entstanden. Mit ein paar Künstlerinnen aus der Umgebung habe ich mich jede Woche getroffen, um miteinander zu malen. Das gab eine schöne Gemeinschaft.

Aber dann ist es ja auch eine Schinderei, wenn man auf eine Ebene kommt, wo man sich auch irgendwie bewähren muss. Wenn man ausstellt, – ich hab immer nur ausgestellt, wenn ich drum gebeten wurde, weil ich eben so ein Drückeberger bin -, dann wird man auch gemessen. Und das ist nicht so ganz einfach. Oder man misst sich selbst.

Auch wenn man an der Familienbildungsstätte oder an der Volkshochschule Kurse gibt, ist das im Grunde Therapie. Da kommen Menschen, die sich nicht wohl fühlen. Vielleicht hab ich so auch selbst angefangen? Menschen, die einsam sind, die irgendwas für sich persönlich suchen. Und da kann man keine wirklichen künstlerischen Kriterien anwenden. Überhaupt, wenn man jemanden kritisiert, wenn er malt, dann ist das ganz schwierig.

Ich hab ja auch einige Male in Bielefeld in Bethel ausgestellt. Dann kommen schon Leute, die was davon verstehen, und da muss man schon irgendwie auch hin stehen oder jedenfalls nicht kaputt gehen dran, weder am Lob noch am Tadel.

 

  • Schön, dass du deine Bilder auch bei uns ausgestellt hast.

Ach, ich freu mich ja auch. So was tut mir auch gut. Klar, ist man auch abhängig von so was. Es ist nicht befriedigend, wenn man malt und alles in der Schublade verschwindet.

 

  • Hast du deinen Mal-Stil im Laufe der Zeit verändert oder lediglich präzisiert?

Das kann man schlecht selbst sagen. Ich habe immer gedacht, ich male ganz unterschiedlich. Aber die Leute sagen gleich, das Bild muss von dir sein.

Weißt du, der Professor war super. Da hat man immer ein Thema gehabt, zum Beispiel „Hell – Dunkel“, oder „Die Zwei“ oder „Das Horizontale“. Am Abend wurden dann die Bilder von allen auf den Boden gelegt und er fragte: „Welches Bild hat die Aufgabe am Besten erfüllt“? Und da sind wir so drum herum gestanden. Die Antwort war relativ einfach.

Und dann sagte er: „Und welches Bild kommt der Aufgabe am Besten nach? Welches Bild ist in sich geschlossen?“ Das war auch einfach.

Aber dann sagte er: „Und jetzt gucken wir mal, welches Bild ist sonderlich?“ Und da wollte er dieses Sonderliche, was man noch nie gesehen hat. Und das war wirklich eine Schulung. Denn ich fiel zunächst auch immer auf die Könner herein, die Handwerker, die das so doll hin hauen können. Aber dass da jemand was ausdrücken konnte, was vielleicht noch nie jemand hatte, und das waren manchmal ganz piepsige Sachen von irgendwelchen Anfängern, die irgendwelche Sensibilität da drin hatten oder Einsamkeit oder Sehnsucht oder Gier oder irgend sowas Atmosphärisches, das war doll. Für mich war das nicht bloß eine Schulung für das Malen.

 

  • Ich danke dir herzlich für dieses Interview und wünsche dir, dass dein Augenlicht noch lange erhalten bleibt.

 

Das Interview führte Diane Lübker im Juni 2019

 

 

 

 

Altenkreis

Die vier Leiterinnen des Altenkreises haben sich 2017 auf ein Interview mit Diane Lübker eingelassen. Interessant ist nicht nur die lange und bewegte Geschichte des Altenkreises, sondern auch, wie die vier Leiterinnen mit Herausforderungen, Freude und Enttäuschung umgehen und nach mehr als 40 Jahren Altenkreis keine Spur von Burn-out zu erkennen ist.

Schon oft dachte ich, wie gerne ich bei dem einen oder anderen Programmpunkt des Altenkreises mit dabei sein würde, wenn über das Gemeindeblatt oder im Gottesdienst dazu eingeladen wird. Aber die Zeit macht mir einen Strich durch die Rechnung.
Zum einen finden die Treffen Mittwoch nachmittags statt, da bin ich noch bei der Arbeit und zum anderen bin ich noch nicht alt genug für den Altenkreis.

Ab wann darf man eigentlich zum Altenkreis dazu stoßen ? Wer ist überhaupt „der Altenkreis“? Und wer steckt hinter dem interessanten und abwechslungsreichen Programm? Diese und ähnliche Fragen schwelen schon lange bei mir, aber ich brauchte tatsächlich einen Anstoß, um mich aufzumachen und nachzufragen.

Der Anstoß kam eines Tages ganz unvermittelt und direkt vom Team des Altenkreises.
Nachdem sie mein Interview mit der Strickgruppe gelesen hatten, sprachen sie mich an und meinten, dass ein Interview mit dem Altenkreis auch interessant sein könnte. Da rannten sie bei mir natürlich offene Türen ein und wir vereinbarten einen Gesprächstermin.

Nun sitzen Frau Ziegler, Frau Ratka, Frau Jäger und Frau Weber mit mir um einen Tisch und warten höflich auf meine Fragen. Zunächst fallen die Antworten recht kurz und knapp aus. Erst im Laufe des Gespräches und als sich mein Tonbandgerät verabschiedet hatte (mangels zu geringer Batterieleistung), wird das Gespräch lockerer, lebhafter und an manchen Stellen das Lachen lauter.

Einmal im Monat findet der Altenkreis statt. Wie lange ist das schon so?

Die Damen müssen nicht lange überlegen. Sie kennen sich aus in der Geschichte des Altenkreises. „Seit 1974 gibt es die Treffen – das sind inzwischen 43 Jahre“ antworten sie mit ein bisschen Stolz in der Stimme. Gudrun Fischer hatte damals damit angefangen.
Wer nach dem Beginn des Altenkreises fragt, der kommt an Gudrun Fischer nicht vorbei. Sie war es, die damals erkannte, dass so ein Treffpunkt in der Gemeinde fehlte, die alles ins Rollen brachte und über viele Jahre hinweg die Treffen organisierte und alles zusammenhielt. Und irgendwie prägt sie den Kreis bis heute.

Seit wann organisieren Sie als Vierer-Team die Treffen des Altenkreises?

Wie schon erwähnt, fallen die Antworten zunächst kurz und knapp aus. Gisela Jäger und Christl Weber sind seit 1990 im Team. Ursel Ziegler ist seit 1995 dabei.
1999 übernahmen Anneliese Lupke und Ursel Ziegler die Leitung des Altenkreises nachdem Gudrun Fischer nach 25 Jahren die Leitung abgab.
Anita Ratka kam 2008 dazu, nachdem Anneliese Lupke leider im Jahr 2008 verstorben ist.
Die Damen nennen diese Jahreszahlen fast beiläufig, ganz so, als ob es nichts Besonderes wäre. Aber ich ziehe unmerklich die Luft ein. Ich sitze also vier Frauen gegenüber, die – für mich unvorstellbar lange - ehrenamtlich zusammenarbeiten, viel bewegt und miteinander erlebt haben und dabei ganz und gar nicht ausgelaugt wirken. Das finde ich erstaunlich.

Wenn Sie eine Überschrift über die vielen Jahre Altenkreis finden müssten, wie würde sie lauten?

Nach kurzer Überlegung sind sich die vier einig. Die Überschrift würde lauten: „Eine Erfolgsgeschichte“.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Gibt es ein oder mehrere Ereignisse aus den zurückliegenden Jahren, die in irgendeiner Form heraus ragen?

„Das 40-jährige Jubiläum“, antworten alle vier.

„Bei dem Jubiläum hatten wir einen umfassenden Rückblick über die vergangenen Jahrzehnte zusammengetragen, was recht aufwändig, aber auch hochinteressant war und sehr gut ankam“, ergänzt Frau Weber.
Das Jubiläum wurde an zwei Nachmittagen gefeiert, da ein Nachmittag nicht ausreichte, um die vielen Bilder zu zeigen. Anhand einer Landkarte wurde an all die Ausflugsorte erinnert, die man schon miteinander besucht hatte. Früher organisierte das Ehepaar Fischer auf das Beste alle Ausflüge und Herr Fischer gab viel Wissenswertes an die Teilnehmer weiter.
Viele Ehrengäste von nah und fern ließen sich zu den Jubiläums-Nachmittagen einladen und man hatte sich viel zu erzählen.
Jede der vier Mitarbeiterinnen weiß noch eine ganze Menge zur Jubiläumsfeier zu berichten und schon kramen sie in Frau Webers mitgebrachten Alben nach Erinnerungsfotos.
Wer da noch alles darauf zu sehen ist! Auch Menschen, die inzwischen ins Altenheim gezogen oder gestorben sind. Selbst solche Erinnerungen teilen die vier ohne Bedauern oder Trauer in der Stimme. Sie scheinen es als Teil des Lebens zu nehmen, dass die eine oder andere vorweg geht.

  • Anmerkung: Am Ende des Interviews können Sie die Festschrift lesen - es lohnt sich.

In wie weit beeinflusst Geld Ihre Ideen bzw. Ihre Programmgestaltung?

 „Eine Kasse gibt es natürlich“, erklären sie mir. Die Kosten für Referenten, Bewirtung usw. werden aus dieser Kasse bezahlt. Die Teilnehmer beteiligen sich am Ende des Nachmittages mit einer Spende. Und der Altenkreis bekommt von der Kirchengemeinde einen jährlichen Zuschuss.

„Altenkreis – „Altenclub“ – „Altenkreis“, viel Veränderung, zumindest was den Namen Ihrer Treffen ausmacht, gab es in all den Jahren nicht. Oder täuscht der Eindruck?

An dem Namen wurde tatsächlich immer mal wieder herum überlegt. Aber „Altenkreis“ passt einfach, genauso wie „Jugendkreis“ oder „Familienkreis“ passt. Jeder versteht auf Anhieb, was gemeint ist.

Was fällt Ihnen leicht? Und was fällt Ihnen schwer?

Einen Altenkreis zu organisieren scheint kinderleicht zu sein, wenn man die Vier so reden hört und ich bin gespannt, ob der Eindruck nicht doch auch täuscht?

Frau Ratka erklärt, dass alle Aufgaben gut untereinander aufgeteilt sind. Es ist klar, wer die Tischdekoration macht, wer Kaffee kocht, wer die Kuchen vom Aussiedlerhof besorgt und so weiter. Und wenn wir das Programm ausarbeiten, sind Herr Pfr. Bosler und Teilnehmer aus dem Altenkreis mit dabei.
„Wir wissen, dass wir uns absolut aufeinander verlassen können und dass es auch nächstes Mal wieder reibungslos laufen wird. Das macht einfach Spaß“, ergänzen die Damen noch.

Und was fällt schwer, frage ich neugierig? Den Damen fällt auf Anhieb gar nichts dazu ein.
Aber dann kommt ihnen das alljährliche Sommerfest in den Sinn. Sie erklären mir, dass es schon ein sehr großes Engagement, auch von einigen hilfsbereiten Männern erfordert, das Sommerfest auszurichten. Schließlich soll es da an nichts fehlen. Und so werden jedes Jahr erneut Bierbänke und –tische von zu Hause in den Gemeindehausgarten geschleppt, die Tischdekoration passend und ansprechend gestaltet und das Buffet liebevoll vorbereitet.
Sogar an die Sonnenschirme wird gedacht. Die sperrigen und schweren Teile mit ihren noch schwereren Ständern werden aus allen Ecken Naberns hertransportiert, damit sich die Altenkreisler richtig wohlfühlen können. Sicher kommen dann bei dem ein oder anderen auch Urlaubsgefühle auf.

Und dann ist es schon oft passiert, dass ein Sturm oder Gewitter aufzieht und die Altenkreisler doch lieber ins schützende Gemeindehaus umziehen.

Scheitern ist ein wichtiges Thema im Leben eines jeden. Im Jahr 2012 sind auch Sie mit dem Altenkreis ein Stück weit gescheitert – ein geplanter Ausflug musste kurzfristig abgesagt werden mangels Teilnehmern. Sie haben jedoch einen Weg gefunden, damit umzugehen. Können Sie dazu etwas sagen?

„Ja das war enttäuschend, als sich zu wenig Teilnehmer anmeldeten“, bestätigen sie mir. „Der Ausflug musste ausfallen. Aber das Thema hatten wir trotzdem, nur eben im Naberner Gemeindehaus. Und für das nächste Mal ließen wir uns etwas einfallen.
Da haben wir, auf Vorschlag von Herrn Pfr.Bosler, die Konfirmandengruppe mitgenommen und alle Gemeindeglieder, die Lust und Zeit hatten mitzukommen – und der Omnibus war voll besetzt.
Inzwischen werden keine Ausflüge mehr geplant, da der Teilnehmerkreis immer kleiner wird.“

Einmal musste auch ein Referent ganz kurzfristig absagen. Seitdem haben die Damen immer was im Ärmel für den Fall der Fälle. „Reiseberichte die gehen immer“, meinen sie.

Mir gefällt, wie flexibel die vier sind und dabei niemals ihr Ziel aus den Augen verlieren, nämlich allen Teilnehmern jedes Mal ein schönes Treffen zu ermöglichen.

Was motiviert Sie, auch nach so vielen Jahren noch immer im Altenkreisteam mitzumachen?

Frau Jäger führt das abwechslungsreiche Programm auf und fügt hinzu: „Da nehmen wir selbst auch immer viel mit“.
Und Frau Ratka gefällt, wie sehr sich die Altenkreisler über die Treffen freuen können und schätzt auch das gemeinsame Singen.
Alle vier Damen genießen es außerdem, dass sie von Anfang bis Ende bei jedem Programm mit dabei sind und nicht das Bedien- oder Küchenpersonal spielen.
Im Grunde ist dem Team aber die Dankbarkeit und Wertschätzung der Altenkreisler die Motivation schlechthin. „Und weil einem die Altenkreisler richtig ans Herz wachsen, kann und will man gar nicht mehr aufhören“, erklären sie mir.

Eine kurze Pause entsteht. Dann sagt eine noch, dass die Harmonie zwischen ihnen eine große Rolle spielt. Schön ist es, dass Worte zwischen ihnen niemals auf die Goldwaage gelegt werden müssen und sie miteinander überhaupt keinen Stress haben.

Wie gut das Klima im Altenkreis tatsächlich ist, lässt sich auch an der Tatsache ablesen, dass es im Altenkreis in 43 Jahren nur einen Wechsel in der Leitung gegeben hatte, nämlich von Gudrun Fischer (1974 – 1999) zu Ursel Ziegler (ab 1999). Das ist wirklich bemerkenswert!

Was würden Sie jemandem mit auf den Weg geben, der selbst eine Gruppe oder ein Treffen organisieren möchte?

„Einer allein sollte so eine Aufgabe nicht anfangen“ meint Frau Weber, „es braucht dazu ein Team. Schließlich schüttelt man so etwas nicht einfach aus dem Ärmel.“

Bei meiner nächsten Frage bin ich auf die Reaktion der Damen wirklich gespannt, denn ich habe schon ältere Menschen gesprochen, die damit gar nichts mehr anfangen können:

Haben Sie Ziele, Visionen, Träume, Wünsche, Vorstellungen für die Zukunft?

Frau Weber nennt mir in ihrer pragmatischen Art ein Einfaches „Weiter so.“
Frau Ziegler hat ein klares Ziel vor Augen und erklärt: „Mehr Besucher könnten schon kommen.“
Für Frau Jäger ist wichtig, „dass wir alle gesund bleiben und dass es weiter geht. Und dass eine Nachfrage da ist.“
„Ja, dass auch mehr Männer sich trauen“, ergänzt Frau Ratka. „Männer waren immer in der Unterzahl“.

Es gibt, so berichten sie weiter, einen treuen Stamm von Teilnehmern, die immer da sind und solche, die unregelmäßig dabei sind und sich trotzdem wohlfühlen. Ein Kreis also, der sich völlig problemlos und ständig erweitern lässt. Offenheit und Ökumene sind für das Team wichtig und sowieso selbstverständlich.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich alles weiter entwickeln wird, was die Damen noch auf die Beine stellen werden und wünsche Ursel Ziegler, Christl Weber, Anita Ratka und Gisela Jäger, dass der Altenkreis noch viele weitere Erfolgsgeschichten schreibt.

Für das Gespräch bedankt sich Diane Lübker, 2018

 

Festschrift: 40 Jahre Altenkreis Nabern

Ja – er heißt wirklich so – noch immer –

Und dies ist seine Geschichte:

Am 29. September 1971, während eines Gemeindeabends im „Hirsch“ regte ein Teilnehmer an, man möge doch auch etwas für die Alten tun, z.B. einen Ausflug machen. „Dies ließ mir keine Ruhe“, schreibt Gudrun Fischer in ihren Aufzeichnungen und organisierte in gerade mal 16 Tagen eine „Herbstfahrt der Alten unserer Gemeinde“. Nach zwei weiteren Ausflugsfahrten in den folgenden Jahren begannen im Winterhalbjahr 1973/74 die Altennachmittage im Alten Kindergarten unter der verantwortlichen Leitung von Herrn Pfarrer Kuppler. Es wurden „alle älteren Gemeindeglieder ohne Begrenzung des Jahrgangs“ einmal im Monat, an einem Dienstagnachmittag, eingeladen.

„Träger des Kreises ist die Evangelische Kirchengemeinde Nabern. Jede Zusammenkunft hat ein besonderes Thema. Die Nähe zur Kirche wird teils durch die verantwortlichen Personen, teils durch die Einbindung des Programms in den Kirchlichen Jahresablauf vermittelt. Es gibt Nachmittage der Geselligkeit, der Besinnlichkeit und der Information“. So lesen wir weiter in den Aufzeichnungen von Gudrun Fischer. Der ökumenische Gedanke war von Anfang an maßgebend. An all dem hat sich bis heute nichts geändert.

Im Februar 1974 wurde eine Idee von Herrn Pfarrer Kuppler verwirklicht. Er kam zusammen mit den Konfirmanden und ihren Eltern in den Alten Kindergarten. Sie gestalteten den Nachmittag und sorgten für Kaffee und Kuchen. Dies wurde zur Tradition. Jedes Jahr freuen wir uns auf die neue Konfirmandengruppe. Ausflüge, meist ein Tagesausflug im Frühsommer und ein Halbtagesausflug im Herbst, wurden zu festen Bestandteilen im Programm des „Altenclubs“, wie der Kreis nun benannt wurde.

Als Helferinnen in den ersten Jahren sind bekannt: Frau Martha Gall, Frau Ruth Schölpple, Frau Frank, Frau Gattnar, Frau Zaiser, Frau Greiner und Frau Mayser. Frau Mayser hält dem Altenkreis bis heute die Treue – 40 lange Jahre.

1977 wurde offenbar über einen neuen Namen nachgedacht. Der Begriff „Senioren“ tauchte auf, begeisterte aber nicht. Beim ersten Sommerfest im August 1977 entschieden sich die Teilnehmer in einer Abstimmung für „Altenkreis“.

Ende 1980 verließ Herr Pfarrer Kuppler Nabern. Gudrun Fischer verantwortete die Geschicke des Altenkreises nun alleine, bis sich (Zitat) „Herr Pfarrer Gehrung samt Frau und Vogel“ vorstellten.

1987 feierte die Gemeinde den 500. Geburtstag ihrer Johanneskirche. Auch im Altenkreis war dies ein Thema, dem sich Herr Friedrich Fischer annahm. In all den Jahren war er für Geschichtliches (und Gereimtes) zuständig und führte den Altenkreis bei Ausflügen mit viel Wissen durch Städte und Landschaften.

Anfang 1988 verstarb unerwartet Herr Pfarrer Gehrung. Beim Adventsnachmittag im Dezember lernten wir seinen Nachfolger, Herrn Pfarrer Bachteler, kennen.

Nach 25 Jahren und unzähligen Stunden des Planens, Vorbereitens, Durchführens und Nacharbeitens der Altenkreisnachmittage gab Gudrun Fischer 1999 ihr Amt in jüngere Hände. Es ging nahtlos weiter: Ursula Ziegler und Anneliese Lupke übernahmen zusammen die Leitung.

Im Februar 2006 musste auch der Altenkreis den gewohnten Ort „Alter Kindergarten“ verlassen und vorübergehend in den Bürgersaal im Rathaus umziehen. Auch ein Pfarrerwechsel fiel in diese Zeit. Herr Pfarrer Bosler folgte nach einem Jahr Vakanz Herrn Pfarrer Bachteler im Amt nach.

Im Feburar 2008 trauerten wir alle um Anneliese Lupke, sie verstarb nach schwerer Krankheit.

Auch räumlich stand wieder eine Änderung an. Zum „Adventlichen Nachmittag 2008“ zogen wir in das neu erbaute Gemeindehaus ein, in dem wir uns seitdem richtig wohlfühlen.

Im Juni 2012 trat erstmals in der Geschichte des Altenkreises der Fall ein, dass ein geplanter Ausflug kurzfristig abgesagt werden musste – wegen mangelnder Anmeldungen. Eine spannende Lösung bahnte sich an. Warum nicht Alt und Jung zusammen?

Herr Pfarrer Bosler machte den Vorschlag, dass beim nächsten Ausflug die Konfirmandengruppe und Gemeindeglieder, die Lust und Zeit an einem Mittwochnachmittag haben, den Altenkreis begleiten. Der Omnibus war voll besetzt. Der „Gemeindeausflug“ war ein Erfolg. Aufgrund der Altersstruktur des Altenkreises (derzeitiger Altersdurchschnitt 85 Jahre) und der dadurch immer geringer werdenden Teilnehmerzahl ist ein Ausflug zusammen mit anderen Gruppen eine Möglichkeit, die Tradition weiter zu führen.

Und noch eine Veränderung ist auffallend: Während in früheren Jahren viele Fahrräder vor dem Alten Kindergarten geparkt wurden – Referenten waren manchmal irritiert und meinten, eine Jugendgruppe anzutreffen – sind es heute zunehmend die praktischen Rollatoren, die den Weg ins Gemeindehaus ermöglichen. Immer ist die Freude des Begegnens sehr groß.

 

 

Die Organisten

Heinz Lendl:

 

Wolfgang Junker:

 

Die Orgelmusik gehört zum Gottesdienst wie das Amen zum Gebet. Aber wer sitzt da eigentlich bei uns auf der Orgelbank und spielt? Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Orgel spielen zu lernen? Und wie kommt man bei dem Thema Orgel auf die „Bonanza“-Titelmusik?

Herr Junker und Herr Lendl sind Organisten in Nabern, spielen während der Gottesdienste eine nicht unerhebliche Rolle und sind doch für die meisten Besucher unsichtbar. Ein Grund, weshalb Diane Lübker die beiden gerne näher kennenlernen und mehr von Ihnen erfahren wollte. 

Meine erste Frage geht an Herrn Junker: Wie lange spielen Sie schon die Naberner Orgel?

Junker: Das müssen jetzt 20 Jahre sein, oder? In Nabern bin ich seit 34 Jahren. Und ich weiß, dass mein Sohn Johannes damals noch in der Grundschule war und auf der Orgel rumprobiert hat, als ich angefangen habe.

Und wie ist es bei Ihnen, Herr Lendl?

Lendl: Bei mir sind es ungefähr 40 Jahre. Als Schüler, so mit 15 oder 16 Jahren, habe ich angefangen, bei Ernst Leuze Orgelunterricht zu nehmen. Nach ein bis zwei Jahren spielte ich dann in den Gottesdiensten.

Wie sind Sie darauf gekommen, die Orgel als eines der schwierigsten Instrumente, spielen zu wollen?

Lendl: Genaugenommen bin gar nicht ich darauf gekommen, sondern der frühere Pfarrer von hier, Arnold Kuppler. Er kam oft zu uns ins Haus und spielte mit mir gerne vierhändig Klavier.

Irgendwann fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, Orgel zu spielen, was ich dann einfach bejahte. Nach meiner Konfirmation vermittelte mich daraufhin Pfarrer Kuppler zu Ernst Leuze nach Kirchheim, um Orgelunterricht zu bekommen.

Das heißt aber, dass Sie zuerst eine Prüfung dafür ablegen mussten?

Lendl: Nein. Wenn man selbst und Ernst Leuze der Meinung war, man könne in der freien Wildbahn spielen, dann konnte man spielen. Die C-Prüfung als Organist habe ich erst später, kurz vor dem Abitur, gemacht.

Und wie sind Sie zum Orgelspielen gekommen, Herr Junker?

Junker: Durch dich, Heinz, oder? Du hast mich da angeregt. Heinz Lendl war der Meinung, dass man in Nabern praktischerweise noch einen zweiten Organisten haben könnte.

Lendl: Ja, das stimmt. Und nicht nur einen Organisten für Nabern. Organisten waren damals schon Mangelware.

Haben Sie auch in Kirchheim Orgelunterricht gekommen, Herr Junker?

Junker: Ich hatte nie Orgelunterricht.

Lendl: Ja, wenn man gut Klavier spielt, kann man auch schnell Orgel spielen lernen.

Spielen Sie auch mit Händen, Füßen, Registern und Pedalen?

Junker: Ja, klar. Aber so richtig schwere ausgewachsene Orgelstücke könnte ich jetzt nicht spielen. Beziehungsweise liegt es vielleicht auch daran, dass ich in der Kirche sehr selten übe (lacht). Aber mittlerweile kann ich so die normalen Choräle und Kirchenlieder alle auch mit Pedal spielen. Auch ohne hinzugucken.

Lendl: Das ging aber auch nur, weil du ein Musikstudium auf dem Klavier mitgebracht hast. Sonst wäre das so nicht möglich.

Was ist das Besondere für Sie am Orgel spielen, Herr Lendl?

Lendl: Das Orgelspielen ist mir wichtig, nicht nur für die Gottesdienste, sondern weil es mir wirklich Spaß macht. Abends bin ich gerne auch mal für zwei Stunden in der leeren Kirche, spiele tolle Musik und genieße es, dass da kein Handy klingelt, man alles zuhause lassen kann und seine Ruhe hat.

Junker: Das werde ich jetzt auch machen, wenn ich im Ruhestand bin.

Wenn jemand Lust hätte auf der Naberner Orgel spielen zu lernen, ließe sich das machen?

Lendl: Ich könnte die Orgel gerne mal erklären, aber wenn jemand spielen lernen möchte, dann muss er sich mit dem Bezirkskantor, in diesem Fall mit Ralf Sach, in Verbindung setzen. Und die katholisch Interessierten bei Thomas Specker.

Ich habe im Internet von Organisten gelesen, die sich regelrecht beklagen, denn immer mehr Menschen würden in Organisten reine Dienstleister sehen. Als Beispiel wurde ein Brautpaar genannt, das den Wunsch hatte, zum Einzug in die Kirche die Bonanza-Titelmusik gespielt zu bekommen.

 (Herr Junker summt sofort drauf los: Dum diri dum diri dum diri dum diri dmm dmmmm)

Lendl: Bei mir wollte jemand diese Musik für eine Beerdigung…..

Und was sagten Sie dazu? Haben Sie sich darauf eingelassen?

Lendl: Nein. Ich wand mich erst einmal und gab zu bedenken, dass es ja eine Orchestermusik sei und es dafür keine Klaviernoten gebe. Damit hoffte ich, dass sie einlenken würden. Das Brautpaar wollte dann aber die Musik mittels eines CD-Players abspielen. Schließlich griff dann doch der Pfarrer ein, sodass es schlussendlich hieß, ich solle spielen, was ich für richtig halte.

Junker: Also wenn jemand wirklich auf die Bonanza-Titelmusik bestehen würde, dann könnte man auch einfach sagen: „nein“. Andererseits kann man es natürlich verstehen, wenn irgendein Lieblingslied des Verstorbenen gewünscht wird, ob es nun passt oder nicht. Die Tatsache, dass es eine Lieblingsmusik war, hat sicherlich eine gewisse Berechtigung bei einer Beerdigung. Das macht man dann schon, wenn´s geht.

Lendl: Ja. Aber es gibt Grenzen. Also bei der Bonanza-Melodie war der verstorbene Mann einfach nur Westernfan und die Angehörigen wollten die Musik als Begleitung, wenn der Sarg hereingefahren wird. Also ganz unerträglich.

Und wenn Sie für so Sonderwünsche extra Noten beschaffen müssen, vielleicht auch extra üben, wie ist das dann finanziell? Stellen Sie eine Rechnung oder ist das alles mit der Kirchensteuer abgegolten?

Junker: Das ist sehr unterschiedlich. Ich hab mich da schon mehrfach darauf verlassen, dass die Leute wissen, dass man da einen zusätzlichen Aufwand hat. Es gab auch schon extreme Fälle. Einmal hatte ich mit einem Trompeter zusammen in mehreren Proben fünf Stücke eingeübt, trug diese dann in einer weiteren Extra-Sitzung dem Brautpaar vor, so dass sie sich am Schluss zwei davon aussuchen konnten. Man sollte denken, es ist selbstverständlich, dass der stundenlange Aufwand entlohnt wird. Aber auf diese Idee kam in diesem Fall leider niemand.

Ich hatte auch schon mal eine Rechnung geschrieben und schlicht keine Antwort bekommen. Da wird für alles Mögliche Geld ausgegeben, für den Fotografen, den Blumenschmuck, das Brautauto und was weiß ich. Aber für die Kirche bleibt nichts übrig.

Ach, Hochzeiten sind sowieso speziell. (lacht)

Mittlerweile wissen die Leute auch aus dem Internet, was „geeignete“ Orgelvorspiele sind. Aber sie wissen natürlich nicht, wie schwer die Stücke sind und ob sie überhaupt auf einer kleinen Orgel spielbar sind.

Lendl: Ja, die Leute hören das Stück von irgendeiner Domorgel und sind dann ganz enttäuscht, wenn die Orgel zuhause einen viel schmäleren Sound, nicht den Nachhall und nicht die Wirkung hat, die sie sich vorstellen.

Junker: Es ist schon angenehm, wenn von der Kirche her möglichst viel organisiert wird. Gut finde ich, wenn mir gleich mitgeteilt wird, es kommt beispielsweise noch ein Saxophonist dazu, der begleitet werden will und man hat ihm schon mitgeteilt, dass dafür ein bestimmtes Extra-Honorar üblich ist.

Das Orgelspiel wird bei den Gottesdienstbesuchern in Nabern aber sehr hoch geschätzt. Hier bleiben die Besucher gerne auch zum Nachspiel noch sitzen. Manchmal bekommen Sie sogar Beifall. Wie kommt das bei Ihnen an?

Junker: Ja, das ist schon sehr angenehm. Und natürlich freut man sich über Extra-Beifall!  Das Gegenteil ist, wenn man ein Nachspiel hat und man spielt wirklich ein schönes und begeisterndes Stück und je lauter man spielt, desto lauter reden die Leute und kein Mensch hört zu.

In manchen Kirchen habe ich wirklich keine Lust, ins Nachspiel noch irgendetwas zu investieren. Deshalb finde ich es im Prinzip schon gut, wenn die Leute auch während des Nachspiels sitzen bleiben.

Spielen Sie auch oft in den Nachbargemeinden Orgel?

Junker: Ja, mal in Neidlingen, mal in Hepsisau…

Lendl: mal in Ochsenwang und Bissingen, …

Junker: oder in der Thomaskirche und im Krankenhaus. Wir haben hier so etwa acht Standorte insgesamt.

Gibt es einen Sonntag bei Ihnen, der frei ist?

Lendl: Wenn man verreist ist (lacht). Mehr als zwei freie Sonntage im Jahr – wenn ich nicht verreist bin – habe ich nicht. Aber das stört mich auch nicht.

Gibt es also auch hier ein ungeklärtes Nachwuchsproblem?

Lendl: Das ganz sicher, ja. Aber nicht nur in Nabern, sondern generell. Es lernen wenig Jugendliche Orgel spielen.

Weil es vielleicht auch zu kompliziert ist?

Junker: Das und weil es in der Kirche allgemein ein Nachwuchsproblem gibt.

Aber das ist ein anderes Thema. Deshalb lassen wir es an dieser Stelle jetzt gut sein.

Ich danke Hr. Junker und Hr. Lendl ganz herzlich für das Gespräch und freue mich schon auf die nächsten Gottesdienste, bei denen die Orgel wieder gespielt wird.

Das Interview wurde 2017 geführt.

 

 

Die Kiste

Lebensmittel gibt es im Überfluss! Und doch herrscht bei vielen Menschen Mangel. Die Tafeln bemühen sich um einen Ausgleich, können aber den großen Bedarf nicht alleine decken.
Seit längerer Zeit stehen deshalb in der Kirche und im Rathaus jeweils eine große Kiste, mal mehr, mal weniger gefüllt mit Lebensmitteln.

Was sich hinter der Aktion verbirgt, wie es dazu kam und warum sie so wichtig ist, können Sie in einem Interview mit Claudia Nothelfer lesen:

 

  • Claudia, du hast dich von Armut nicht abschrecken, sondern anziehen lassen und hast angefangen, die Aktion des Kirchheimer Tafelladens „s´Körble“ zu unterstützen. Kannst du uns erzählen, wie diese Unterstützung aussieht?

Wir haben hier in Nabern im Rathaus und in der Kirche jeweils eine große Kiste, in die jeder haltbare Lebensmittel hinein legen kann. Das Rathaus ist ja zu bestimmten Zeiten geöffnet und die Kirche den ganzen Sonntag über - wir haben ja die „offene Kirche“. Den Inhalt der Kisten bringe ich dann in den Tafelladen.

  • Wie oft fährst du mit Lebensmitteln beladen nach Kirchheim in die Henriettenstraße?

Ich würde die Lebensmittel noch viel öfter abliefern, wenn die Kisten öfters voll wären. - Also, das ist auch ein Appell an alle, dass sie sich wieder mehr daran erinnern, etwas hinein zu geben -. Ich würde sie gerne jede Woche leeren, aber das ist nicht immer realistisch, weil ich natürlich nur fahre, wenn dementsprechend viel drin ist.

  • Gab es einen konkreten Anlass oder einen Anstoß, dich dafür zu engagieren?

Ich hatte einen katholischen Gottesdienst besucht anlässlich einer Kinderhospiz-Ehrung und da stand ein großer Weidenkorb vorne. Nach dem Gottesdienst bin ich hin und hab´ nachgesehen, was drin ist. Ich war neugierig, warum der Korb dort steht. Auf einem Informationsschreiben konnte ich lesen, dass auf diese Art und Weise Lebensmittel für Bedürftige gesammelt werden. Da dachte ich: Mensch Meier! Da könnte die Kirchengemeinde Nabern auch etwas tun. Und daraufhin ist dann die Idee gewachsen.

  • Wo und wann war das?

Anfang 2015 war dieser Gottesdienst. Daraufhin hatte ich mich bei einer öffentlichen Kirchengemeinderatssitzung angemeldet, um die Idee vorzustellen. Es dauerte dann noch eine Weile, bis es schließlich umgesetzt werden konnte, so wie es jetzt funktioniert.

  • Hat die Kiste auch etwas mit deinem christlichen Glauben zu tun?

Auf jeden Fall! Ich denke: mir geht´s gut. Das muss ich sagen. Und ich denke, ein großer Teil von uns Nabernern geht es auch gut. Doch dann siehst du Menschen, die sich nicht einmal mehr ein Essen leisten können! Wir spenden immer für so große Geschichten. Fast jeden Abend sieht man im Fernsehen irgendwelche Katastrophen. Aber solche Geschichten, die gehen dann unter.

Bevor ich für diese Aktion irgendetwas unternommen hatte, machte ich mich natürlich gescheit und bin in den Tafelladen gegangen. Wenn du dort ankommst und siehst, wie viele die Treppe hinunter vor der Türe schon stehen, dann denke ich, da will ich was tun. Ich bin Christin und möchte einfach ein bisschen von dem was ich spüre und fühle weitergeben.

  • Claudia, hast du damit das Gefühl, dass du genug tust oder ist es immer zu wenig?

Also, ich würde mich gerne noch mehr irgendwo engagieren.

(Einschub: Schade, dass Sie nicht selbst hören können, was da alles in ihrer Stimme mitschwingt, denn diesen Satz sagt sie mit einer wahrhaft tiefen Inbrunst..)

Aber die Zeit ist momentan begrenzt, dadurch dass ich noch voll berufstätig bin. Aber so Aktionen wie die Kiste, das sind Kleinigkeiten, die jeder machen kann und da bring ich mich ein.

Aktiv bin ich auch in der Nachbarschaftshilfe der Diakonie. Da mache ich auch oft mehr, als zur eigentlichen Arbeit dazugehört und was ich eigentlich dürfte. Aber ich engagiere mich gerne. Wie gesagt, wenn mir mehr Zeit übrig bleiben würde, würde ich mich noch viel öfter engagieren. Also, das Engagement wäre da (lacht).

  • Vielleicht ist es auch gut, wenn man gewisse Grenzen hat, oder?

Ja, die musst du dir auch selbst setzen, denn irgendetwas bleibt auf der Strecke. Und wenn du im Berufsleben stehst, kannst du dich nicht noch in allen Richtungen engagieren. Das geht halt nicht.

  • Kannst du uns etwas mehr über den Tafelladen erzählen, wie er funktioniert, von wem er betrieben wird und welche Menschen in den Kirchheimer Tafelladen kommen?

Der Träger des Tafelladens ist das Deutsche Rote Kreuz. Die Mitarbeiter sind meist Ehrenamtliche. Inzwischen gibt es aber auch einen angestellten Mitarbeiter im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die Spenden an den Tafelladen kommen zum Teil von Privatpersonen, wie von uns, aber auch von 20 bis 30 Firmen im Umkreis.

Wenn die Spenden angeliefert werden, müssen sie zu einem günstigeren Preis ausgezeichnet werden, denn die Sachspenden werden weiter verkauft. Familien oder Einzelpersonen, die im Tafelladen einkaufen dürfen, leben vom Arbeitslosengeld II oder haben eben unter 700 Euro im Monat Einkommen, leben also von Sozialhilfe. Sie bekommen dann einen entsprechenden Nachweis, der sie berechtigt, dort einzukaufen.

Im Moment gibt es 750 Personen in Kirchheim, die das Angebot in Anspruch nehmen. Momentan kommt noch die Flüchtlingsgeschichte dazu. Und das habe ich jetzt auch schon erlebt, dass sich das Publikum verändert hat. Da sind wirklich viele Ausländer und vor allem viele junge Männer.

Letztes Mal musste ich durch eine richtige Menschenmenge durch bis eine ehrenamtliche Mitarbeiterin auf mich zukam und sagte: „Kommen Sie mit nach hinten“. Vorne war es richtig unheimlich, weil es ein ganz kleiner Verkaufsraum ist, ganz eng und unten im Keller in der Feuerwehrwache. Wenn da die Menschen so in Massen stehen, kann man leicht Panik bekommen. Das war schon ein bisschen unheimlich.

  • Geht die Verteilung immer friedlich von statten?

Ja, die Tür steht offen, aber bevor nicht das OK kommt, dass geöffnet ist, gehen die Menschen nicht hinein. Sie stehen in der Schlange und warten. Es läuft schon friedlich ab.

  • Wann ist der Tafelladen geöffnet?

Die Öffnungszeiten sind dienstags, donnerstags und freitags. Vormittags und nachmittags. Klar, montags nicht – da ist´s leer. Da kommen dann erst wieder neue Lieferungen. Manchmal können die Mitarbeiter während der Woche die Regale gar nicht so schnell einräumen, wie sie wieder leer geräumt werden.

  • Welche Lebensmittel werden am häufigsten nachgefragt?

Auf jeden Fall die Grundnahrungsmittel, also Mehl, Reis, Nudeln, Haferflocken, …, wirklich Sachen, aus denen die Leute etwas machen können. Natürlich auch Konserven, Gläser, keine Frage. Aber keiner muss etwas qualitativ Hochwertiges kaufen. Wenn ich z. B. beim Billigdiscounter  ein Kilogramm Mehl und ein Päckchen Haferflocken kaufe, dann gebe ich nicht einmal einen Euro aus! Das musst du dir mal vorstellen. Und die Menschen dort bekommen das und freuen sich. Also das ist schon Wahnsinn.

  • Was wird in Nabern in die Kisten gegeben? Oder ist der Inhalt von Woche zu Woche völlig unterschiedlich?

Das ist unterschiedlich. Aber hauptsächlich werden die Lebensmittel gespendet, die ich am Anfang auf so einer Art Plakat beworben habe, wie die Grundnahrungsmittel, also viel Nudeln, Mehl und Haferflocken, aber auch Konserven. Quer Beet eben. Die Leute haben, denke ich, verstanden, um was es geht. Frische Lebensmittel gehen nicht. Das bekommen die Menschen von übrig gebliebener Ware von verschiedenen Discountern. Ware, die sie dort nicht mehr verkaufen können, wie Salat und solche Sachen. Das müssen sie also von uns nicht auch noch zusätzlich bekommen.

  • Hast du auch schon kuriose Geschichten im Zusammenhang mit der Kiste erlebt?

Ja, das war letztes Mal, als die Kiste noch während der Winterkirche hier im Gemeindehaus stand. Ich kam hier her, redete noch mit Ursel Ziegler, sah in die Kiste und sagte:  „Du, hier hat´s Feinstrumpfhosen drin!....? Was mache ich jetzt damit???“ Das war mir so peinlich. Ich dachte, Mensch Meier! Was versteht man denn nicht, wenn ich sage: Lebensmittel!? Und jetzt lagen da teure Feinstrumpfhosen, richtig gute! „Also, ich weiß auch nicht – ich brauch´s nicht.“, sagte ich zu Ursel.

Und dann bin ich mit einem richtig blöden Gefühl in den Tafelladen gefahren. Als ich dort angekommen bin, sagte ich stotternd: „Äh, ich hab da…. Aber ich kann nichts dafür, das geben die Leute halt da rein in die Kiste….“. Da nahm mich die Mitarbeiterin an der Hand, zeigte mir ein Regal und sagte: „Seit wir die Flüchtlinge hier haben, nehmen wir liebend gerne auch Kleidung an“.

O Gott, da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Und ich hatte schon so geschwitzt und stand da mit hoch roten Backen. Ich hätte die Feinstrumpfhosen ja auch nicht weg werfen oder behalten können. Ich war so froh, als die Mitarbeiterin sagte: „Schön. Das bekomme ich sicher gleich los“. Das war dann wirklich schön (lacht).

  • Als Fazit dieser Geschichte höre ich aber heraus: trotzdem lieber Lebensmittel in die Kisten packen, oder?

Auf jeden Fall! Das ist das Wichtigste.

Jeder von uns geht doch auch mindestens einmal die Woche einkaufen. Und wenn ich einen Apell machen darf, dann sage ich: Mensch Meier, jedes Mal wenn ihr durch einen Supermarkt geht und Nudeln kauft, nehmt ein Päckchen mit und steckt es in die Kiste rein. Oder Zucker. Oder was auch immer. Einfach etwas haltbares. Und dann ist so vielen geholfen! Uns macht das nicht arm. Aber jemand anderen macht es unheimlich glücklich – satt vor allem!

  • Wünschst du dir noch etwas für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Kiste jede Woche knalle voll ist! Dass jeder ein bisschen was abgibt für die, die es brauchen. Dann lohnt es sich, dass ich nach Kirchheim fahre. Ich mache das ja gerne. Und ich wünsche mir, dass die Leute wirklich aufgerüttelt werden. Dass sie sagen: ja, es ist so wenig, was ich tun kann, wirklich so so wenig. Aber ich will mich trotzdem daran beteiligen.

  • Claudia, ich danke dir für dein Engagement und für das Interview und wünsche dir Gottes Segen für alles, was du anpackst. Vielen Dank.

Gerne.

 

Kaum haben wir unser Gespräch beendet, muss Claudia zu ihrem nächsten Termin. Aber zuvor schaut sie noch in die Kiste. Ein paar Lebensmittel liegen wieder bereit. Schnell sind sie für den Transport in eine handlichere Tragetasche gepackt und schon ist sie wieder unterwegs. Ich bleibe zurück mit einem Vorsatz, künftig bei meinen Einkäufen mehr an den Tafelladen zu denken.

Übrigens: werden Alkohol, Tabakwaren sowie der Gesundheit und Umwelt schädliche Waren nicht angeboten.

Und noch einige Informationen aus dem Internet, die Sie vielleicht auch interessieren:

Der Kirchheimer Tafelladen ist entstanden aus einer gemeinsamen Initiative des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und Diakon Hug von der katholischen Gesamtkirchengemeinde. Es werden ständig ehrenamtliche Helfer und Lebensmittelspender gesucht! Die Idee der "Tafel" ist nicht neu. In vielen Ländern Europas, in Deutschland aber auch in den USA (Food-Banking), versucht man Menschen, die von Armut bedroht oder betroffen sind, mit einem derartigen Angebot Entlastung zu verschaffen.

Die erste deutsche Tafel entstand 1993 in Berlin. Die erste Tafel in Württemberg entstand im März 1995 im Leonhardtsladen in Stuttgart. Solche Tafeln gab es auch in früheren Jahrhunderten. Ulrich, Bischof von Augsburg, wurde unter anderem auch dafür bekannt, daß er Speisungen für Arme – sogenannte "Ulrichs-Tafeln" – eingerichtet hat.

Und der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. schreibt: Immer mehr Menschen werden in unserer Gesellschaft ausgeschlossen, weil sie akut von Armut betroffen sind. Sie fühlen sich zunehmend "ausgegrenzt", da eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben heutzutage i.d.R. immer mit "Geldausgeben" verbunden ist. Kürzungen sozialer Leistungen schmälern die Budgets der Empfänger staatlicher Sozialleistungen immer mehr. Mittlerweile fehlt es bei Menschen mit geringem Einkommen häufig am Nötigsten. Dazu gehören wieder Lebensmittel. Sonderausgaben sparen sich die Hilfeempfänger von dem Wenigen ab, was ihnen zur Verfügung steht, z.B. beim Essen.

Dabei sind immer mehr Menschen auf die günstigen Lebensmittel angewiesen. Rund 700 regelmäßige Kunden hat die DRK-Tafel, Tendenz steigend. Die meisten von ihnen, rund 60 Prozent, sind Hartz IV-Empfänger. „Es kommen aber auch immer mehr Flüchtlinge“, sagt Klaus Roth. „Wir brauchen dringend mehr Ware. Sonst bekommen unsere klassischen Kunden immer weniger“, sagt Aniela Zajac. Schon jetzt müsse sie häufig einschreiten, um dafür zu sorgen, dass die Ware gerecht verteilt wird. (25.11.2014 Der Teckboten)

(Artikel und Interview von Diane Lübker, 2017)

 

 

 

Interview mit Dieter Schölpple, Posaunenchorleiter

Der Posaunenchor Nabern bereitet bei Gottesdiensten und anderen  Veranstaltungen große Freude durch die ansprechende Gestaltung von Musikstücken. Die Bläserinnen und Bläser verfügen über ein reichhaltiges Repertoir an Musik unterschiedlicher Stilrichtungen, das sie bei passenden Gelegenheiten gerne zu Gehör bringen.
Anlass genug, einmal genauer nachzufragen bei Dieter Schölpple, Posaunenchorleiter, wer sich hinter diesem Posaunenchor verbirgt:

Dieter, wie viele Musiker gibt es denn zur Zeit im Posaunenchor?

Wir sind ca. 15 Bläserinnen und Bläser.

Und wie viele verschiedene Instrumente werden gespielt?

Im Posaunenchor werden zurzeit fünf verschiedene Instrumente bei den Auftritten gespielt.

Spielen die Musiker mit den fünf unterschiedlichen Instrumenten nach speziellen Noten oder spielt ihr vierstimmige Lieder mit Sopran, Alt, Tenor und Bass?

Wir spielen üblicherweise aus Partiturnoten, d. h. alle Stimmen sind auf den Notenblättern dargestellt. Bei längeren oder vielstimmigen Stücken gibt es auch Noten für Einzelstimmen oder Noten getrennt nach hohen und tiefen Stimmen.

Das hört sich schon einigermaßen kompliziert an. Muss ich denn besondere Kenntnisse oder Fähigkeiten mitbringen, wenn ich im Posaunenchor einsteigen will?

Grundsätzlich kann jeder ein Blechblasinstrument erlernen. Man sollte jedoch im Lippenbereich ein vollständiges Gebiss haben. Außerdem sollten die Lippen durch Schwingungen einen Ton erzeugen können.

Muss ich mir ein Instrument kaufen oder kann ich eines ausleihen?

Wer beim Posaunenchor ein Instrument erlernen will, kann sich eines ausleihen. Wir haben ungefähr fünf derzeit nicht genutzte, spielbare Instrumente.

Im Posaunenchor sieht man junge und ältere Bläser bunt gemischt. Aber gibt es auch so etwas wie eine Altersgrenze?

Nach alter Erfahrung sollte ein Blechblasinstrument erst ab ca. 10 Jahren erlernt werden, da die Zähne einer gewissen Belastung ausgesetzt sind. Nach oben gibt es keine Altersgrenze.

Du meinst also, man muss sich da schon richtig reinbeißen, was? 🙂
Gibt es für „Neulinge“ auch eine Anfängergruppe?

Derzeit leider nein.

Was meinst du, würde es reichen, nur an den Proben mit zu spielen oder müsste ich zuhause zusätzlich üben?

Während der Lernphase eines Instruments sind Proben zuhause unerlässlich. Nach ca. zwei Jahren Bläserpraxis reicht die Zeit in den Proben außer es werden schwierige Stücke z. B. für ein Konzert eingeübt.

Werden im Posaunenchor nur Kirchenlieder gespielt oder auch modernere Lieder?

Wir blasen alte und neue Kirchenlieder, alte und neue freie Bläserstücke in unterschiedlichen Stilrichtungen und gelegentlich auch Volkslieder und Schlager.

Wie viele Auftritte im Jahr gibt es bei euch?

Der Posaunenchor hat ungefähr 15 Auftritte im Jahr.

Und was war bislang euer größter Auftritt oder die größte Herausforderung?

Bis vor drei Jahren hatten wir regelmäßig Konzertabende. Dies waren die größten Herausforderungen. Die größten Auftritte sind bei den Landesposaunentagen und bei den Bundesposaunentagen.

Wie viele Instrumente kannst du denn spielen, Dieter?

Derzeit nur gelegentlich eines, die Trompete.

Und wie lange bist du schon Posaunenchorleiter in Nabern?

Seit 1980, also 35 Jahre.

Ich denke, wer euch schon einmal spielen gehört hat, hat schon Lust auf mehr bekommen.Und wer gerne mitspielen möchte, darf das sicher gerne tun. Deshalb verrate uns bitte noch, wann und wo die Proben stattfinden?

Die Proben sind mittwochs von 20 Uhr bis 22 Uhr und sonntags von 10.30 bis 12 Uhr im Gemeindehaus.

Vielen Dank!

(Das Interview führte Diane Lübker, 2017.)

 

 

 

 

 

Interview mit der "Strickgruppe"

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Stricken ist Altbacken? Von wegen. Sogar das Topmodel Cara Delefingne teilte der Welt via Twitter mit: „Stricken ist Bombe!“ Das wissen Naberner Frauen schon lange. Seit mindestens 35 Jahren trifft sich regelmäßig eine Gruppe, um gemeinsam zu stricken.

Aber das wäre hier nicht erwähnenswert, wenn es dabei bliebe. Was das Stricken mit der Naberner Orgel und mit der Aktion Brot-für-die-Welt zu tun hat und noch vieles mehr können Sie hier lesen:

 

Maschenprobe – Nadelstärke – Rippenmuster - links – rechts - aufnehmen – abnehmen – abketteln – Stricken ist wieder „in“.

Von „urban knitting“ liest man in Trend-Zeitschriften und im Internet.

In den großen Städten kann man sehen, was damit gemeint ist: Street-Art-Künstler schlagen weich und wollig zu, umhäkeln Bäume, verzieren Sitzbänke und Straßenlaternen oder verschönern ihre Fahrräder und Flip-Flops. Viele junge Frauen und Männer entdecken die Kunst des Strickens neu für sich und haben ganz offensichtlich Freude daran, etwas einzigartiges und kunstvolles aus Wolle zu schaffen.

Für manche ist das Stricken auch zu einer sogenannten work-life-balance geworden oder ist das „neue Yoga“, wie in einem Artikel aus den USA zu lesen ist. Der US-Kardiologe Herbert Benson konnte sogar nachweisen, dass das rhythmische Klappern der Nadeln beruhigend wirkt und den Blutdruck senkt. Nicht umsonst lassen auch Hollywood-Stars wie Julia Roberts, Madonna oder Catherine Zita-Jones in den Pausen die Nadeln klappern, laut einem Artikel im Handelsblatt.

Auf jeden Fall bekommt man gute Laune beim Stricken. Davon kann ich mich bei einem Besuch bei der Naberner Strickgruppe selbst überzeugen.

Es ist Montag Nachmittag, die Sonne scheint und ich mache mich mit ein paar Fragen und meiner Kamera im Gepäck auf den Weg zur Strickgruppe. Sieben Frauen sitzen schon im Kreis und lassen die Nadeln klappern, als ich dazu stoße. Vorab wurde ich angekündigt, so dass es niemanden verwundert, als ich jetzt auftauche.

Ich habe mich darauf eingestellt, dass bei meinem Eintreffen der Gesprächsfaden der Frauen erst einmal abreißt und eine peinliche Stille entstehen könnte. Aber da kenne ich die Frauen schlecht. Tatsächlich schauen sie mich nur kurz an und lächeln mir freundlich zu, während unaufhörlich die Nadeln weiter klappern.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch komme erst gar nicht dazu, meine Fragen zu stellen, die Informationen fließen wie von selbst - ich muss nur noch mitschreiben.

„Sicher willst du wissen, wie lange es diese Strickgruppe schon gibt“, werde ich gefragt. Sofort kommt eine wilde Diskussion in Gang. Sind es schon 30 Jahre? Oder mehr? Anhand der Kinder wird versucht, die Zeit in Scheibchen zu zerlegen. Schließlich kommen die Frauen überein, dass es bestimmt schon 35 Jahre sind!

„Angefangen haben wir doch, als Geld für die neue Orgel gebraucht wurde“, gibt eine zu bedenken.

„Das lässt sich ja herausfinden, wann die alte Orgel Stück für Stück und Orgelpfeife für Orgelpfeife verkauft wurde. Damals gab es einen großen Bazar, zu dem außer unseren Handarbeiten auch Holzarbeiten und vieles mehr gefertigt und verkauft wurden. Auf jeden Fall war das zu Pfr. Kupplers Zeiten.“

Einig sind sich dann wieder alle, dass Margret Ederle die Strickgruppe ins Leben gerufen hat und bei ihr die Fäden zusammen liefen. Bis heute ist sie es auch, die für die tolle Wolle sorgt, die dann gemeinsam verstrickt wird. Ich frage Margret, wo sie die Wolle kauft. Während sie weiterstrickt antwortet sie nur kurz und mit einem alles erklärenden Wort: „Edeka“. „Die Wolle von dort ist ganz gut und jetzt werden sowieso vorwiegend einfarbige Socken gekauft“, fährt sie nach einer kurzen Pause fort. „Höchstens noch ein unauffälliges Ringelmuster ist drin, aber keine allzu verrückten Farben“. Dunkle Farben gehen auch nicht, aber wohl eher deswegen, weil die Frauen dann die Maschen schlechter erkennen können.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Früher haben wir alles mögliche gestrickt, auch Schals, Handschuhe und richtig aufwendige Sachen, wie Puppen oder Decken“. „Genäht haben wir auch schon, z.B. Kuchentaschen“, wirft eine der Damen ein. Ach ja, die Kuchentaschen - da kommen jede Menge Erinnerungen auf.

„Aber in den letzten Jahren gingen die Socken einfach am Besten. Außerdem sind sie ganz praktisch zu stricken, denn man kann jederzeit aufhören und wieder anfangen“, weiß eine Strickerin.

„Socken für Erwachsene, Größe 38 bis 45, sind am Begehrtesten. Seltsamerweise werden Kindersocken nicht so gern gekauft“, meint eine andere leicht verwundert. Woran das wohl liegen mag, weiß keine so genau. Vielleicht sind für Kinder und Jugendliche Stricksocken einfach uncool? Schade eigentlich, denn jedes Paar Socken ist ganz einzigartig und vor allem im Winter gibt es nichts Besseres als warme Wollsocken, finde ich.

„Wie viele Socken werden denn an einem Brot-für-die-Welt-Bazar verkauft?“ will ich wissen. „Früher waren es immer 60 bis 70 Paar Socken!“, meint Margret Ederle. „Aber letztes Jahr waren es nur 40 Paar.“

Wenn man hochrechnen würde, wie viele Socken also die letzten 35 Jahren verkauft wurden, würde eine höchst beachtliche Zahl heraus kommen und ich bin tief beeindruckt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Wie stricken Sie denn die Ferse?“, frage ich in die Runde.

Es stellt sich heraus, dass vier der Damen die so genannte „Bumerang-Ferse“ bevorzugen, die anderen stricken nach der „herkömmlichen Methode“. Ich frage lieber nicht genauer nach, wo die Unterschiede liegen, da ich sowieso keine Ahnung habe und mich nicht unnötig blamieren will.

Die Frauen finden es so schon unverständlich, dass ich überhaupt nicht stricken kann.

Offen gestehe ich, dass ich während meiner Schulzeit immer versucht habe, meine Handarbeiten mit nach Hause zu nehmen, so dass meine Mutter die angefangenen Teile fertig machen konnte.Auf diese Art und Weise bekamen wir beide dann auch immer eine sehr gute Note.

Ja, da nicken die Frauen, denn das kennen sie auch von ihren eigenen Kindern.

„Kann man denn auch nur einmal in eure Gruppe kommen, um sich zeigen zu lassen, wie man z.B. eine Ferse stricken kann?“ frage ich weiter. Auf diese Frage ernte ich heftigstes Kopfschütteln und allgemeines Gemurmel.

„Natürlich kann man jederzeit zu uns kommen“, meint eine Strickerin, „aber mit einem Mal kann niemand lernen, wie man eine Ferse strickt. Das geht nicht so einfach!“ Das sehe ich ein. Mir wird schon vom Zusehen schwindelig, so schnell stricken die Damen mit ihren fünf Nadeln im Kreis herum.

Wobei Margret nur mit vier Nadeln strickt. Ob sie eine Nadel verloren hat?

„Mit vier Nadeln klappert`s nicht so“, ist ihre Begründung dazu.

„Früher war das durchaus ein Argument, als die Nadeln noch aus Stahl waren, dick und schwer. Heute jedoch sind die meisten Nadeln aus Plastik, sie sind leicht, liegen gut in der Hand und die Wolle rutscht besser als auf Stahl- oder Holznadeln. Aber jeder arbeitet eben ganz individuell“.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Ach, wisst ihr noch“, will eine der Frauen wissen, „dass man früher ein Beilaufgarn für die Ferse und den Ballen mitgestrickt hat?“

„Ja, das stimmt, aber heute braucht diese Verstärkung niemand mehr. Die Socken halten auch so lange genug und wenn sie mal durchgelaufen sind, freut man sich auch über ein neues Pärchen“.

Der Gesprächsfaden reißt bei den Frauen jedenfalls nie. Kein Wunder, wenn man schon so lange miteinander „verstrickt“ ist.

Gerade erzählen sie, dass vor 12 Jahren die letzte Strickerin zu ihrer Gruppe dazu stieß. Ich hake ein und will wissen:

„Wäre denn ein Mann in eurer Runde genau so willkommen wie eine Frau?“

„Ein Mann war noch nie in unserer Runde“, murmelt eine und eine kurze Pause entsteht.

„Ich weiß, dass die jungen Männer diesbezüglich keine Berührungsängste mehr haben“, nimmt eine andere den Gesprächsfaden auf. „Ein Bekannter von mir hat auch gerne gestrickt. Also, wenn einer Lust hat, darf er gerne kommen, würde ich sagen“.

Die Zeit ist wie im Zeitraffer vergangen während die Socken ein ganzes Stück gewachsen sind. Jetzt ist es Zeit für ein Tässchen Kaffe und ein Stückchen Kuchen, meint die heutige Gastgeberin, und da lässt sich keine zwei Mal bitten.

Am Kaffeetisch lassen die Frauen noch weitere Erinnerungen hochleben und erzählen mir mit leuchtenden Augen auch von ihren sommerlichen Ausflügen auf die grüne Wiese, wo sie so gerne unter den mächtigen Obstbäumen im Schatten sitzen und ihre Nadeln im Rhythmus klappern lassen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWährend das Gespräch noch munter weiter geht, packe ich langsam meine Sachen zusammen und überlege mir dabei, ob ich nicht doch irgendwann einmal das Stricken lernen sollte…

 

P.S.: Leider ist die Strickgruppe zurzeit nicht mehr aktiv, aber Fragen und Anregungen können trotzdem gerne weiter gegeben werden (Stand: Sommer 2017).

 

Das Interview führte Diane Lübker, 2016